29.11.2008

"Mensch Blocher" - ein gefährlich verharmlosendes Portrait

gedanken zur grossen homestory über christoph blocher im magazin des tages-anzeigers
.
eines muss man dem autoren thomas zaugg zu gute halten: er gab sich mühe, emotionslos, vorurteilslos, ohne klisches, das tägliche leben christoph blochers zu schildern. vielleicht etwas zu bemüht darum. zaugg versteht sein journalistisches handwerk. lesenswert und fesselnd geschrieben.
im stile eines psychiaters hört er zu, begleitet und hält sich beinahe lückenlos an die taktik, die er dem team des schaffhauser fernsehens zuschreibt, das unter der leitung des verlegers norbert neininger und des journalisten matthias ackeret christoph blocher im teleblocher woche für woche begleitet. zaugg beschreibt dessen, und damit sein eigenes vorgehen in "mensch blocher" wie folgt:
.

"Und der stets milde lächelnde Produzent Neininger dokumentiert unablässig mit seiner Digitalkamera, daraus will er einmal ein Making-of machen. Und Matthias Ackeret, der Journalist, der das Interview jeweils führt, bedient sich der üblichen Taktik: Fragen, Staunen, Zuhö­ren, Nicken."

viel neues erfuhr man nicht, über den extrem selbstbewussten, rechthaberischen und von einem religiösen auftrag getriebenen machtmenschen.

was einem nach dem lesen des portraits aber einen schalen nachgeschmack hinterlässt, ist, dass der beitrag, in seinem grossen bestreben um objektivität, gar zu sehr vermenschlicht, gar zu sehr veralltäglicht, gar zu sehr vernormalisiert, ja fast ein wenig verharmlost. nichts von einem menschen, dessen partei, unter seiner direkten oder indirekten führung ausländer, invalide oder anders-denkende aufs schlimmste verunglimpft, an den pranger stellt, bleibt haften. nichts von einem christoph blocher, der messerstecher- oder scheininvalideninserate lancierte oder befürwortete, wird vermittelt.

durch das eifrige bemühen, den rechtsaussen-politiker blocher als menschen darzustellen, als menschen zu begleiten, wird vieles wohl unbewusst ausgeblendet. blocher wird durch diese vorsichtig beobachtende, verständnisvolle, hautnahe schreibweise sympathien dazugewinnen. so nach dem motto: "gsehsch, isch au nur en mensch". und gerade darin liegt die gefährlichkeit eines solchen beitrages über einen rechtsaussen-politiker.

......................
zum artikel:
Mensch Blocher (thomas zaugg im tagi-magazin vom 28.11.08)

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Aus Zeitgründen von meiner Seite vorerst nur soviel: Uber den "Menschen" Blocher erfahern wir nichts was er selber nicht schon oft "preisgegeben" hat.
Ergo: Es ist ein, in eine sublime literarische Form gegossene narzisstische Selbstentblössung. Oder anders gesagt: in literarische Form gegossener Kitsch.

Berührend die form. Der Inhalt "ist was er ist".

web-kommentator hat gesagt…

Es ist tatsächlich eine grosse Problematik, wenn man führende Politiker wie einen Blocher oder Haider mittels einer Homestory beschreiben will. Kann nur ins Auge gehen. Wäre auch zu früheren Zeiten ins Auge gegangen.

Lupe hat gesagt…

at anonym:
wie immer treffend und genial forumuliert.

at web-kommentator:
ich denke, ich weiss, welche früheren zeiten du meinst.

Frog hat gesagt…

Insbesondere finde ich es eigenartig, dass man diese Menschlichkeit ausgerechnet dem Blocher zugesteht, dem geistigen Übervater einer Partei, die eben diese Menschlichkeit jedem aberkennt, der gegen die SVP-Zürich-Linie politisiert. Einem Blocher, der sich nur allzugerne immer wieder selbst als Übermensch darstellt und darstellen lässt. Wieso muss man ausgerechnet ihn vermenschlichen?

M.M. hat gesagt…

Sie wissen ja inzwischen, ich bin auch hier, wie (fast) immer, anderer Meinung als Sie. Ist das nicht schön? " Gefährlich verharmlosend" - ich bitte Sie - haben Sie ernsthaft Angst vor Herr Blocher oder tun Sie nur so? :-)

http://www.arlesheimreloaded.ch/article/blocher_usa_politiker_magazin

lupe hat gesagt…

at m.m:

liess ich irgendwo angst durchschimmern?

ich müsste sogar schmunzeln, wenn blocher mittels taktischer tricks plötzlich gegen den grünen in einem schlussgang antreten müsste und fdp und cvp vor einem dilemma stünden.

übrigens schätze ich es, wenn nicht alle blogger gleicher meinung sind und ich muss oft sogar schmunzeln, wenn ich deine (sorry "ihre") beiträge lese.

Anonym hat gesagt…

Er versucht halt krampfhaft sich zu kaufen, was er nicht besitzt.

Geist. Stil.

Das eine kauft er beim Autoren.
Das andere beim Starfotografen.

Funktionierts?

Nein. Ein Markenanzug macht aus einem "Nachtwandler" noch lange keinen Staatsmann.

Gewisse Dinge lassen sich nicht kaufen.

Der Herrgott will es so.

Thinkabout hat gesagt…

Ich scheine einen anderen Artikel gelesen zu haben. Den Schaffhauser Medienzirkel zu erwähnen und mit einem Zitat dann scheinbar zu belegen, dass Zaugg genau nach der gleichen Art verfährt, wie der unsägliche Herr Ackeret, ist meiner Meinung nach völlig unzutreffend.

Und in dieser Reportage eine Homestory zu sehen, ist ein Witz. Aber leider keine Satire. So was lese ich in einer Scheizer Illustrierten auf jeden Fall nie.

In der Art, wie Zaugg nur schon Blochers Bewegungen, seine Stimme und die Reaktionen in seinem Umfeld beschreibt, zeichnet er bereits ein subtiles Bild einer nicht richtig fassbaren Persönlichkeit.

Vielleicht ist es einfach Zeit, Blocher Blocher sein zu lassen und ihm gerade dadurch politisches Gewicht zu nehmen, indem man ihn zum Menschen macht.

Ich lobe mir da meine Frau. Auf meinen Tipp hin, die Reportage zu lesen, hat sie gemeint: Ich kann's nicht mehr hören. Blocher interessiert mich nicht mehr. Ich kann das "Gschiss" nicht mehr austragen. Also: Ein bisschen runterkühlen, und dem Menschen Blocher ruhig weiter auf die Finger schauen, wenn er politisch wird oder ist.
Je besser man ihn versteht, um so besser kann man auch gegen ihn auftreten.

Thinkabout hat gesagt…

Sorry für die "Tippfehler". In diesem komischen Fenster hier kriege ich meine Sätze kaum je richtig zusammen, ist einfach irgendwie zu aufgeregt alles. Oder hat ämend die diabolische Wirkung von Christoph Blocher damit zu tun?

Aufrechter Glarner hat gesagt…

Ein aufrechter Mensch wie Christoph Blocher bleibt eben für den linken Durchschnitt kaum fassbar.

Ihr möchtet noch so gern "Weltbürger" sein, stimmts ?!

Sind aber nur kleine frustrierte Durchschnittslinke die hier rumschwafeln...

lupe hat gesagt…

at thinkabout:

an zaugg's schreibstil ist nichts auszusetzen, der ist ausgezeichnet, über durchschnitt. die schwierigkeit liegt in der vorgabe einer solchen reportage.

wenn man jemanden als journalist rein beobachtend begleitet, mit der verkündeten absicht, eine grössere story in einer etablierten zeitschrift über ihn zu schreiben, so wird der sich nie voll in die karten schauen lassen.

ein alter fuchs und medienprofi wie blocher einer ist, der weiss eine solche situation, auch wenn sie über tage dauert, für sich zu nutzen. er wird dem beobachtenden journalisten keinen anlass bieten, ihn als rechtsaussen-politiker zu beschreiben. ein paar zückerchen wird er bieten (des hardliner mörgelis anwesenheit zum beispiel), ein paar leichte, aber kontrollierte provokationen, aber dann hat es sich.

der journalist, der nur beschreiben will, was er erlebt und beobachtet, kann nur beobachten, was der zu beobachtende ihm zeigt.

es würde auch keinem anderen journalisten gelingen, aus einer solchen versuchsanordnung eine überzeugende reportage zu kreieren, die das wahre gesicht eines blochers richtig abbildet.

bajaz hat gesagt…

Wieso wird immer wieder übersehen, dass so "einsame Machtmenschen" gar nicht sein könnten wie sie sind, wenn es nicht haufenweise Kopfnicker um sie herum gibt!?

Anonym hat gesagt…

Ich glaube, der Verfasser dieses Blogs überschätzt sich schlicht und einfach - ganz im Gegensatz zum Verfasser des Textes über Blocher im Magazin.

Köbi Bünzli hat gesagt…

das ist eines der besten portraits, das ich je gelesen habe.

lupe hat gesagt…

von der machart und vom schreibstil her ein geniales portrait, einverstanden, aber dies habe ich ja geschrieben, ... die bedenken über die wirkung sind ein anderes thema.

saibot hat gesagt…

"Zu viel Rationales ist gefährlich"
das ist nicht nur ein Zitat aus dem Test. Es spricht Bände.

Der Autor hat sich eben von dieser emotionalen Art übertölpeln lassen, gerät gar in's Schwärmen.

Woran frag ich mich liegt das? Hat sich der Journalist nicht gründlich vorbereitet und mit den Fakten einen Schild gebaut gegen die Agitation des Herrn B.? Ist er nicht breit genug gebildet um diese zu erkennen? Hat er überhaupt eine Idee von was B. da immer so spricht?
Ich weiß es nicht, habe aber den Eindruck, dass es irgendwo fehlt. Mögliocherweise an der nüchternen Refelxion der eigenen Gedanken.

tin hat gesagt…

Ich hoffe doch sehr, dass diese Hommage nun die letzten Zeilen sind, die über Blocher geschrieben wurden und sich nun endlich von der Vergangenheit löst und die Probleme und Fragen von heute und morgen aufnimmt. Das Thema "Blocher" gehört jetzt meinetwegen in den Geschichtsunterricht - soll aber mit der aktuellen Berichterstattung nichts mehr zu tun haben.

anonymer feigling hat gesagt…

blochers einfluss basiert zu einem grossen teil auf leuten wie dir lupe. persönlichkeiten mit ausgeprägten anti-blocher-reflex. solange es euch gibt, wird sich sein machtbereich wohl kaum reduzieren. ihr bewirkt das gegenteil von dem was ihr anstrebt.

Lupe hat gesagt…

wow, dann wird er also jetzt wieder wählbar, als bundesrat. ist ja toll, da schreib ich doch glatt noch einmal einen kritischen beitrag, dann wird er wieder bundesrat, berlusconi-like.

ät feigling: irgendwo habe ich einmal ein sprichwort gelesen: "wehret den anfängen" oder so. aber das kennst du wohl nicht. lieber nicht wehren, er könnte sonst noch prominenter werden.

Anonym hat gesagt…

Die Analyse des Feiglings klingt verlockend, greift aber m.E. zu kurz.

Blocher Widerstand entgengen zu setzen bedeutet nicht, ihm mehr Gewicht zu geben.

Es bedeutet, seinem "Führeranspruch" entgengen zu treten.

Das wirkt kurzfristig zwar möglicherweise kontraproduktiv aber langfristig eben nicht.

Blocher wäre nie abgewählt worden, ohne ganz klare Stellungsbezüge aus der Bevölkerung.

Meine Haltung bestätigt sich auch in Bern.

Kurzfristig hat der Widerstand gegen den "Nazimarsch auf Bern" "einfachen Gemütern" und den Medien genügend Stoff verschafft:

Die Kravalle von Bern!

Blocher schien gestärkt. Die SVP auch.

Die eigentliche Empörung über den brauen Marsch aber und der Widerstand haben nachhaltigere Wirkung.

Blocher abgewählt. Die Berner Bevölkerung hat rot grün bestätigt. Die BDP (SVPler ohne braune Einfärbung) haben in Bern ein Erdrutscherfolg erzielt.

Geld ist Macht. Blocher ohne seine Milliarden könnte man ignorieren. Ganz klar. Was wäre er, welches Gewicht hätte er ohne sie?

Blochers Milliarden(Macht) muss entgegengetreten werden. Mit Widerständigem Geist.

tin hat gesagt…

Herr Blocher scheint nicht zu verstehen, dass er "die Schweiz" nicht so unter den Nagel reissen kann, wie damals die Ems-Werke. "Die Schweiz" funktioniert nicht wie eine Firma, wo er als Patron (dank vielem Geld) regieren kann.

In Italien haben sie mit dem Milliardär Berlusconi das ähnliche Problem...

Lupe hat gesagt…

immerhin wird blocher jetzt den räten den zum lämmchen mutierten ueli maurer aufzwängen können. die fdp und die cvp scheint ja schon feuer gefangen zu haben, für den mann mit den zwei gesichtern.

Anonym hat gesagt…

Vielleicht ist, wie fast immer, Nichts wie es scheint.

2. Selbst dann nicht, wenn Maurer gwählt werden sollte...

Seinen Sie nicht allzu pessimistisch liebe Lupe.

Aufrechter Glarner hat gesagt…

Habt ihr hier eigentlich sonst noch einen Lebensinhalt ?
Zählt für euch noch etwas anderes ausser dem Hass auf Blocher und der Wut über den Erfolg der SVP?
Wie arm und leer muss euer Leben sein, arme frustrierte Linke.

tin hat gesagt…

Hass? Ach wo. Aber ein bisschen Einblick in die Geschichte der Schweiz: Führerfiguren und selbsternannte Messiasse haben in unserer Demokratie schlicht keinen Platz.

nochmals anonymer feigling hat gesagt…

@lupe: welche anfänge gibt es denn abzuwehren? was würde denn herauskommen ohne anti-blocher-bewegung? schleichend eine rechtsextreme schweiz, deren bürger blind einem führer folgt, deren bürger die rechte beraubt werden, deren bürger kontrolliert und überwacht werden und schliesslich der erde den dritten weltkrieg beschert? blocher will das vbs damit er dann bald mal deutschland und im anschluss russland überfallen kann? das kann mir kaum angst einjagen... ich sehe das etwas anders, denn genau die blocher-politik, welche in der schweiz vielleicht sehr dominant ist und deshalb immer als gefahr abgestempelt wird, ist die politik entgegen der allgemeinen tendenz zur weltregierung. das ist es was mir angst macht, aber dieser trend ist nicht mehr aufzuhalten, er ist seit mehreren jahrzehnten im gang und wird sich die welt unter den nagel reissen. bei hitler war es wenigstens nur deutschland. aber ich bin stolz darauf ein schweizer zu sein, denn in diesem land gibt es noch eine schlagkräftige bewegung gegen die internationalisierung. das was du hier in der schweiz siehst, sehe ich in vielen anderen ländern in der ganzen welt, die ein vielfaches an politischer, wirtschaftlicher und militärischer schlagkraft der schweiz besitzen und besser vernetzt sind.

lupe hat gesagt…

at feigling:

" ...schlagkräftige bewegung gegen die internationalisierung"

eine solche bewegung würde mich nicht stören. solange sie nicht ausländer diffamiert und mit messerstecher-inseraten gegen ausländer hetzt. viele svp-anhänger sind genau wegen dieser ausländerfeindlichkeit svp-wähler und nicht wegen harmloser bestrebungen gegen eine "eu" oder gegen eine mitlitärische beteiligung an auslandeinsätzen.

anonymer feigling hat gesagt…

ja, das ist einer der hauptfehler den ihr ständig macht. ihr versucht dauernd die svp ins rechtsradikale licht zu rücken, und merkt dabei gar nicht dass die leute sich informieren ob die svp nun wirklich rechtsradikal ist oder nicht. unbewusste werbung für den politischen gegner, selber schuld...

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...